Zivilcourage – zwischen Wegschauen und Heldentum | frauensicherheit

Zivilcourage – zwischen Wegschauen und Heldentum

Zivilcourage – zwischen Wegschauen und Heldentum

Eine Frau wird von einem Mann angepöbelt, ein paar Jugendliche raufen am Bahnsteig, ein Mann liegt in einer Ecke, …

Soll ich mich einmischen? Rufe ich die Polizei oder die Rettung? Oder gehe ich doch lieber vorbei? Vielleicht ist das eh nur ganz harmlos? Man will schließlich nicht aufdringlich sein, sich womöglich lächerlich machen oder gar selbst in Gefahr bringen … und außerdem muss ich eigentlich dringend den Zug erreichen, in die Arbeit, zu meiner Verabredung … und eigentlich graust mir ein bisschen vor diesem Menschen … und … und …

Zivilcourage ist der Mut, einem fremden Menschen in einer Notsituation Hilfe zu leisten, selbst wenn ich dadurch einen persönlichen Nachteil in Kauf nehmen muss.

Was tun?

In Österreich haben wir einen ganz klaren Anhaltspunkt im Strafgesetzbuch §94 und §95 in dem sinngemäß steht: Jede in Österreich aufhältige Person ist dazu verpflichtet im Notfall Erste Hilfe zu leisten, soweit es ihr zumutbar ist und sie sich dadurch nicht selbst gefährdet. Anders ausgedrückt: In Österreich ist ein Minimum an Zivilcourage gesetzlich vorgeschrieben. Alles was ich darüber hinaus tue, liegt in meiner eigenen Verantwortung.

Pflicht zur Hilfeleistung – Zivilcourage in der Praxis

  1. Hinschauen

Wenn ein Mensch schwer verletzt, erkrankt oder anderweitig in Gefahr ist, muss ich laut Gesetz Erste Hilfe leisten, so gut ich dazu eben in der Lage bin. Zu meiner eigenen Sicherheit ist es dabei wichtig, dass ich die Situation zuerst aus einer sicheren Position kurz beobachte und überlege, was zu tun ist, welche Gefahren bestehen und welche Hilfsmittel mir in diesem Moment zu Verfügung stehen. Das dauert üblicherweise nur wenige Sekunden. Danach kann ich entscheiden, ob ich mich der Situation allein stellen will oder ob es aufgrund einer Gefahrensituation sinnvoller ist, bereits im Vorfeld Unterstützung zu organisieren (Passanten, Sicherheitsdienst, Notruf). Wenn professionelle Hilfe herangezogen wird, ist es hilfreich, bis zu deren Eintreffen die Situation ggf. aus sicherer Entfernung zu beobachten und auch anschließend für Informationen zur Verfügung zu stehen.

  1. Reden

Wenn ich mich entschließe selbst tätig zu werden (und ggf. Umstehende zur Unterstützung herangezogen habe), kann ich die betroffene Person aus angemessener Distanz ansprechen und fragen, ob sie Hilfe möchte(!). Ist in einer Auseinandersetzung eine Person klar im Nachteil, ist es sinnvoll, sich an diese Person zu wenden.

Will die betroffene Person ausdrücklich keine Hilfe und habe ich den Eindruck, dass ihr Leben nicht unmittelbar in Gefahr ist (weil sie z.B. weitgehend klar spricht, regelmäßig atmet und eine einigermaßen normale Gesichtsfarbe hat), so kann ich ruhigen Gewissens meiner Wege gehen – Zivilcourage heißt auch, zu akzeptieren, wenn jemand keine Hilfe will.

Niemals ist es jedoch zulässig, eine möglicherweise hilfsbedürftige Person einfach unbeachtet liegen zu lassen, weil ich annehme „der ist eh nur betrunken“ – eine Aussage, die schon viele Menschenleben gekostet hat!

  1. Handeln

Will die betroffene Person meine Hilfe, so empfiehlt es sich meistens, abzusprechen, wie diese am besten erfolgen soll. Vor allem bei verbalen Auseinandersetzungen oder Bedrohungen ist oft schon die reine Anwesenheit und das Interesse einer oder mehrerer anderer Personen auf Seiten der schwächeren Partei hilfreich. Hilfe darf jedoch niemals aufgezwungen werden!

Komme ich allein mit der Hilfeleistung nicht zurecht oder habe ich den Eindruck, dass Menschenleben in Gefahr sind, so bin ich dazu verpflichtet professionelle Hilfe zu verständigen – eine Notrufnummer anzurufen (auch wenn die betroffene Person das ablehnt, weil sie z.B. aufgrund einer Bewusstseinstrübung ihren eigenen Zustand nicht gut einschätzen kann). Kann ich das nicht selbst tun (z.B. wegen mangelnder Sprachkenntnisse, Handy kaputt o.ä.), so muss ich zumindest versuchen, eine andere Person dazu zu veranlassen.

Wenn ich mir nicht sicher bin ob professionelle Hilfe notwendig ist oder nicht, so gilt das Prinzip:

Lieber einmal zu oft den Notruf wählen als einmal zu wenig.

NOTRUFNUMMERN:
Feuerwehr 122
Polizei 133
Rettung 144
Euro-Notruf 112

Frauenhelpline: kostenlose 24 Stunden-Krisenberatung bei Gewalt: 0800 222 555

24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71 71 9

Im Winter: Caritas 24-Stunden Kältetelefon für Obdachlose: 01 480 45 53

Bei akuter Gesundheitsgefährdung bitte immer gleich die Rettung rufen!

Das Wählen des Notrufs in einem begründeten Fall – auch wenn sich dieser im Nachhinein vielleicht doch nicht als dringender Notfall erweist – führt keinesfalls zu Kosten für die/den Anrufende*n! (Anders natürlich bei echtem Missbrauch d.h. Scherzanrufe oder vom Anrufer nur vorgetäuschte Notfälle.) Und sollte eine Person, die zuvor hilfsbedürftig erschien, vor Eintreffen der Einsatzkräfte doch plötzlich aufspringen und davonlaufen, so kann ein zweiter Anruf bei der Notrufnummer auch in diesem Fall Klarheit schaffen.

Muss / kann ich noch mehr tun, als eine Notrufnummer anrufen?

Hier wird die Sache komplizierter, denn es stellt sich nun die Frage der Zumutbarkeit. In keinem Fall bin ich verpflichtet, mein Leben oder meine Gesundheit (oder Personen, die unter meinem Schutz stehen z.B. Kinder) in Gefahr zu bringen. Hier empfiehlt es sich, sehr gut auf das eigene Bauchgefühl zu achten, das oft ein besseres Gefahrenradar hat als unser rationaler Verstand.

Was ich weiter tun muss oder kann, hängt letztendlich auch davon ab, in welchem Zustand ich selbst gerade bin, welche Kenntnisse und Fähigkeiten ich besitze und welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen. So wird einer ausgebildeten Einsatzkraft im Normalfall mehr zumutbar sein als einem „Normalbürger“, einer Ärztin mehr als einem Buchhalter, einem kräftigen gesunden Menschen mehr als einem chronisch Kranken. Ohne das entsprechende Material kann aber selbst der erfahrenste Notarzt nicht mehr tun als jede einfache Ersthelferin.

Wer ungefähr alle fünf Jahre 8 – 16 Stunden in einen Erste-Hilfe-Kurs investiert und an seinem Schlüssel einen Anhänger mit einem Paar Handschuhe und einem Beatmungstuch mitführt, ist jedenfalls für den Ernstfall schon sehr gut ausgerüstet. Und man darf nie vergessen: Mit größter Wahrscheinlichkeit steht man bei einem Notfall nicht einem Fremden, sondern jemandem aus der eigenen Familie oder aus dem Freundeskreis gegenüber!

Und was ist mit den Heldinnen und Helden, die man im Fernsehen sieht?

Es kommt immer wieder vor, dass Menschen in Notsituationen unglaubliche Taten vollbringen: Kinder aus brennenden Häusern retten, eine von einem Balkon stürzende Frau auffangen, einen Ertrinkenden aus einem eisigen Fluss retten, …

Solche Heldentaten sind einerseits großartig und machen deutlich, wie viel Menschen im Notfall zu leisten im Stande sind, andererseits sind sie auch immer mit einem hohen Risiko verbunden, dass der oder die Helfenden selbst verletzt oder getötet werden. Manche Retter*innen erzählen im Nachhinein, dass sie in der jeweiligen Situation gar nicht viel nachgedacht, sondern instinktiv gehandelt und einfach nur Glück gehabt hätten, dass sie mehr oder weniger unbeschadet aus der Rettungsaktion herausgekommen sind. Viele wagemutige Hilfswillige haben ihren Mut aber auch schon mit schwersten Verletzungen oder sogar mit dem Leben bezahlt.

Im Ernstfall muss jeder Mensch selbst entscheiden, was er/sie bereit ist zu tun.

Am Ende gilt immer: Helfen kann nur, wer lebt und gesund ist.

 

Unsere Michaela Eisold-Pernthaller war am 08.01.2019 bei der Barbara Karlich Show als Expertin zum Thema „Zivilcourage – Ich habe mich selbst in Gefahr gebracht“ geladen.